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The Wall Street Journal April 2014

 

Chemnitzer Gründer wollen Windräder länger drehen lassen

Von CHRISTIAN GRIMM

Stillstand vermeiden. Das ist die Idee, die Tobias Meyhöfer und seine Kollegen von Fibercheck den Betreibern von Windkraftanlagen verkaufen wollen. Stillstand heißt kein Strom. Und kein Strom heißt weniger Einnahmen. Diesen Zustand wollen die Betreiber naturgemäß vermeiden. Manchmal müssen sie ihre Windräder abschalten, weil die Netze sonst zusammenbrechen würden. Abschalten müssen sie, wenn sich Eis auf den Rotorblättern bildet. Das Gesetz zwingt sie in vielen Bundesländern dazu. Eisbrocken könnten herabfallen oder rasend durch die Luft geschleudert werden.

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Peter Wolf (vorne) und Tobias Meyhöfer auf einem Windrad in luftiger Höhe.

 

Bisher lässt sich nur indirekt feststellen, wenn sich Eis gebildet hat. Die Turbine bringt dann weniger Leistung und wird auf Verdacht vom Netz genommen. „Hier setzen wir an", sagt Meyhöfer. Das sechs Mann starke Fibercheck-Team aus Chemnitz hat ein Überwachungssystem für Rotorblätter entwickelt. Dabei werden Schaltkreise mit winzigen Sensoren auf ein Kunststoffgewebe aufgestickt, die auf die Flügel des Windrades geklebt werden können. „Wir können damit natürlich nicht nur messen, ob sich Eis gebildet hat oder nicht", erklärt Elektrotechniker und Mitgründer Peter Wolf.

Mit den Sensoren lässt sich auch herausfinden, ob das Material ermüdet. Auf die bis zu 65 Meter langen Flügel greifen große Kräfte zu. Schnee und Eis, große Temperaturunterschiede und nicht zuletzt Sturmböen arbeiten sich an den gepressten Kunststofffasern ab. Gibt das Material nach, laufen die Rotoren nicht mehr rund und es wird weniger Strom erzeugt – in etwa wie bei einer Acht im Fahrradreifen. Die Besitzer der Anlagen sind an diesen Informationen aber gar nicht so stark interessiert, wie es auf den ersten Blick scheint. Schließlich zahle die Versicherung, wenn etwas kaputtgehen sollte, sagen Windmüller. Für sie sei viel wichtiger, ob sich Eis festgesetzt hat.

Ohne Geld vom Staat geht es nicht

Im Oktober will Fibercheck deshalb mit seinem Eis-Sensor auf den Markt gehen. Potenziell 23.500 Windräder warten in Deutschland auf Nachrüstung. Derzeit wird aber noch die Testphase mit Prototypen abgeschlossen. Nebenher endet für die Mannschaft die Ära an der Uni. Derzeit kommen die Gehälter noch von der Personalabteilung der TU Chemnitz.

Ab Juli ist damit Schluss. Dann muss die GmbH die Idee zum Erfolg bringen, an der seit 2007 an der sächsischen Ingenieurschmiede geforscht wird. Ohne Geld von außen wird das aber nicht gehen. Die Gründer setzen auf das Exist-Förderprogramm des Bundes. Es könnte ihnen 150.000 Euro bringen, womit die nächsten zwölf Monate gesichert wären. Dafür haben die Gründer 50.000 Euro an Eigenkapital zusammengeborgt – von der Familie und von Freunden. Geschäftsführer Meyhöfer hat sogar einen Teil seines Erbes von der Oma in die gemeinsame Firma gesteckt. „Die Signale von Exist sind aber sehr positiv", sagt der 36-Jährige. Ende März waren sie als ein Vorzeigeprojekt zum Kongress anlässlich des 15-jährigen Bestehens des Förderprogrammes in Berlin eingeladen. Mitte Mai soll die endgültige Entscheidung fallen.

Ein wenig Geld kommt aber auch jetzt schon jetzt in die Kasse. Fibercheck hat eine App programmiert, die unter anderem von dem Wasserzweckverband in Freiberg eingesetzt wird. Mittels der App wird dem Leitstand gemeldet, wenn sich Kollegen, die zum Beispiel in die Kanalisation hinabsteigen, nach einer halben Stunde nicht gemeldet haben.

Entwickelt wurde das Programm ursprünglich für den Eigenbedarf. Damit sollte auf Nummer sicher gegangen werden, dass die Mitarbeiter alle heil wieder von einem Windrad herunterkommen, wenn sie Sensoren einbauen – immerhin in 80 bis 100 Metern über dem Boden. Um sich im Notfall abseilen zu können, mussten sie extra einen Kurs für Höhenarbeiten absolvieren.

Die Zukunft ihrer sensiblen Technologie sehen die Gründer aber nicht nur auf die luftige Höhe beschränkt. Auch die Automobilindustrie dürfte sich dafür interessieren, ob sich in Carbon-Karossen feine, aber gefährliche Risse bilden. Verlassen können sie sich zudem auf die norddeutschen Bundesländer. Diese haben beim großen Energiegipfel bei Wirtschaftsminister Gabriel durchgesetzt, dass der Zubau von Onshore-Windkraft nicht so stark begrenzt wird, wie eigentlich gedacht. „Das war kein schlechter Abend für uns", sagt Tobias Meyhöfer und lacht. So rasch wie möglich wollen seine Kollegen und er auch die Windparks auf See entern und die Hersteller von Windkraftanlagen davon überzeugen, dass sie die Fibercheck-Technik direkt in die Rotoren einbauen.

Kontakt zum Autor: christian.grimm@wsj.com